(Source: starsgoboom)
Sebastian liebte Jim.
Er liebte den Singsang seiner Stimme, das satte, kräftige Braun seiner Iris, das so dunkel wie Kohle und so hell wie Schokolade sein konnte, die kleinen Fältchen um die großen Augen herum, wenn der andere grinste, und er liebte es, wie Jim ihm wehtat. Er liebte es, sich in ihm zu verlieren und mit ihm zu stehen und zu fallen, er liebte die Aufregung und die Ruhe danach, er liebte Jims Wut und seine Launen, die jederzeit umschwenken konnten, aber vor allem liebte er es, gebraucht zu werden. Benutzt zu werden, vielleicht sogar. Er liebte es, für den anderen da zu sein und das Gefühl zu haben, für ihn unersetzlich zu sein. Er liebte die Art, wie Jim in sein Leben gedrungen war und ihn vollkommen in Besitz genommen hatte, als hätte er gar keine andere Wahl gehabt als ihm zu folgen, ebenso wie er es liebte, dass der andere ihm (wenn auch unbeabsichtigt) die Möglichkeit gab, endlich und zum ersten Mal in seinem Leben ganz und gar er selbst zu sein. Und natürlich liebte er das Spiel mit dem Feuer.
Jim liebte das Spiel auch.
Er liebte Abwechslung und die faszinierende Komplexität der Einfachheit, er liebte Intelligenz und sich selbst, er liebte es, seine Grenzen auszutesten und dann darüber hinaus zu gehen. Er liebte Herausforderungen und er liebte den Triumph, aber nur dann, wenn er nicht allzu leicht zu erringen war… und genau deswegen liebte er Sherlock Holmes. Er hasste es, zu verlieren. Und wenn es etwas gab, das er noch mehr verabscheute als die Dummheit der Leute, dann war das Langeweile und Eintönigkeit, denn er hatte schon vor langer Zeit herausgefunden, dass das eine der elementarsten Wahrheiten dieser Welt war: Sie war langweilig und eintönig; außer man tat etwas dagegen. Er tat etwas dagegen. Und manchmal, aber nur manchmal, liebte er es auch, dabei nicht mehr ganz allein zu sein.
Es war Mitternacht. Der fünfundzwanzigste Dezember war damit offiziell vorbei… und Jim war nicht aufgetaucht. Das war nicht schlimm, dachte er sich, während er sich im Licht der bunten Lichterkette vor dem Tannenbaum zusammenrollte und mit dem Finger eine der Christbaumkugeln anstupste, die sein Spiegelbild ulkig verzerrte. Sicher war der andere beschäftigt. Es wollten schließlich… Verbrechen begangen werden, oder so. Auch an Weihnachten. Wahrscheinlich sogar gerade dann. War ja nun nicht so, als wären sie sonderlich gute Christenmenschen gewesen… und überhaupt, Weihnachten war ja auch völlig überbewertet.
‘Ein Fest für die ganze Familie’ hatten sie in der Radiowerbung gesagt.
Und das waren sie schließlich nicht; eine Familie. In der Ferne läuteten die Kirchenglocken zur Mitternachtsmesse und aus dem Kasten auf dem Tisch erklang das schabende Geräusch von Salatblättern, die enthusiastisch von Schildkrötenkiefern zermalmt wurden. Sebastian schloss die Augen. Weihnachten war eh blöd.
Erst ein paar Stunden später schreckte er jäh aus dem Schlaf, weil ihm jemand in den Rücken trat. Als er sich umdrehte und schläfrig nach oben blinzelte, ragte Jims Gestalt über ihm auf wie ein Monument. Sebastians Herz begann unweigerlich, etwas schneller zu schlagen, ehe ihm einfiel, sich den Speichel aus dem Mundwinkel zu wischen bevor es unsexy wurde und Jim wieder ging.
„Das ist der hässlichste Weihnachtsbaum, den ich je gesehen habe.“
„Oh… sorry.“ Er schürzte etwas unsicher die Lippen. Blöder Baum. Warum hatte er den überhaupt gekauft?! „Es war der letzte, den sie hatten. Ich musste mich mit einer alten Frau darum prügeln.“
Das entlockte dem anderen zumindest ein Grinsen und Bas war zufrieden mit sich, ehe er sich aufrichtete und sein Blick auf den schwarzen Kasten fiel, den Jim neben dem Sofa abgestellt hatte. Seine Augen verengten sich ein wenig, während er aus sicherer Entfernung herauszufinden versuchte, was es mit dem Ding auf sich hatte, und Jim sich an dem kalten Braten bediente, der noch auf dem Tisch stand. Die Kerzen waren längst heruntergebrannt, aber zumindest konnte man noch sehen, dass Bas den Tisch schön gedeckt hatte. Schließlich blickte der andere über die Schulter zurück und machte eine ungeduldige Geste mit der Hand. „Mach es auf.“
Es war ein Geschenk! Es war nicht eingepackt, aaaber es war ein Geschenk. Ein Kasten. Für ihn! Sebastians Wangen glühten vor Aufregung, als er auf Knien hinüberrutschte und vorsichtig danach griff, um mit den Fingern über die glatte Oberfläche zu fahren. Jim ließ sich aufs Sofa fallen und öffnete den Knopf seines Jacketts, ehe er genervt die Augen verdrehte.
„Es wird nicht in die Luft gehen, Bas. Jetzt mach es endlich auf, bevor ichs mir noch anders überlege.“
„Okay.“
Er machte es auf, indem er die beiden Schnallen aufschnappen ließ und den Deckel hochklappte. Zum Vorschein kam ein funkelnagelneues Gewehr, nicht zusammengeschraubt, aber ganz eindeutig eine teure Sonderanfertigung. Deutsch, wenn er mal raten musste.
„Ohh“, stieß er aus und seine Augen leuchteten förmlich, als er die Hand ausstreckte und behutsam nach dem Zielfernrohr griff. „Sie ist eine Schönheit, Jim…“
Der andere machte große Augen und hob kurz die Brauen, als hielte er ihn für ein bisschen nicht richtig im Kopf. „Soll ich euch zwei eine Weile allein lassen?“
Sebastian lachte und legte alles wieder zurück, um sich später damit zu befassen.
„Ich hab auch was für dich. Willst du es haben?“
Jim stieß die Luft aus und erwiderte gedehnt: „Meinetweeegen…“
Eifrig robbte Bas zurück zum Baum, wo er Jims Geschenk untergelegt hatte, griff danach und robbte dann wieder auf Knien hinüber zum Sofa, um es dem anderen zu überreichen. Es war ein Briefumschlag, aber er war dick in buntes Geschenkpapier eingewickelt und hatte eine große rote Schleife darum. Bas hätte eigentlich nur noch ‚Geschenk‘ drauf schreiben können, um es noch offensichtlicher zu machen, he he. Die Lippen des anderen zuckten kurz, aber er riss es einfach auf und Bas legte seine Hände auf Jims Knie ab, um sein Kinn darauf zu betten und aufgeregt zu ihm aufzusehen. Sein Blick flackerte jedoch leicht, während er im Gesicht des anderen zu lesen versuchte. Gefiel es ihm? Es waren Karten für die Kammermusik. Das Konzert war schon vor Monaten restlos ausverkauft gewesen, aber er hatte zwei Kartenbesitzer aufgetrieben und… überredet, ihm ihre Karten zu überlassen. Es war doch nicht blöd…? Warum sagte der andere denn niiiichts? Bas wurde unruhig.
„Johann Sebastian Bach“, las Jim schließlich laut vor, und Bas versuchte, das Hüpfen seines Herzens bei ‚Sebastian‘ zu ignorieren, he he. Er fing den Blick des anderen auf und schauderte leicht, seine Miene erhellte sich jedoch schlagartig, als Jim hinzufügte: „Manchmal bist du wirklich gar nicht so dumm wie du aussiehst…“
Irgendwo hatte er mal gelesen, dass es kein Wort gab, das sich auf ‚orange‘ reimte. Und obwohl er mehrere Sprachen fließend beherrschte, fiel ihm tatsächlich keines ein, das wie ‚orange‘ klang. Borange. Schlorange. Lorangsch. Gab es nicht.
Sebastian fand, dass das ein interessanter Fakt war, und er versuchte, seinen Verstand eine Weile damit zu beschäftigen, während er auf den kleinen orangenen Papierschnipsel starrte, den er mit etwas Spucke an die Wand neben seinem Bett geklebt hatte. Es war der einzige Farbklecks in dem sterilen weißen Zimmer, mit den weißen Wänden, den weißen Bettlaken, seinem weißen Pyjama und dem weißen Rauschen in seinem Kopf… aber das war nicht der einzige Grund, warum es seinen Blick so magisch anzog. Es war das einzige, was ihm von Jim geblieben war, von den Erinnerungen einmal abgesehen. Sie hatten ihm das Foto gezeigt, wohl in der Hoffnung, dass er dann einknicken und reden würde, wenn sie ihm bewiesen, dass James Moriarty hinter Gittern war und Bas ihn nie wiedersehen würde.
Dabei hatten sie ja so Unrecht. Sebastian sah ihn jeden Tag und das Foto hatte ihm lediglich bewiesen, dass es dem anderen gut ging. Dass er irgendwo war und in diesem Augenblick atmete, dachte, lebte (und außerdem, dass er verboten sexy in einem orangenen Overall aussah). Sie hatten ihm das Foto nicht mehr rechtzeitig entziehen können und es war zerrissen – den kleinen Schnipsel hatte er gerettet. Es zeigte den orangefarbenen Overall, den alle Gefangenen trugen, und einen kleinen Teil von Jims Hals. Es war von jetzt an Sebastians Lieblingsteil. Und wenn er lange genug auf den Schnipsel starrte, vervollständigte sein Gehirn den Rest des Fotos automatisch… alles, was er brauchte, war ein bisschen Orange.
Vorange. Dorange. Jorange.
Jim.
(kinky sex ahead!)
Er lag auf dem Rücken, sein knochiges Knie bohrte sich dicht neben seinem Ohr in die Matratze und sein Fuß wippte irgendwo über Jims Schulter in der Luft. Unter anderen Umständen hätte er vielleicht zugegeben, dass diese Position alles andere als bequem und in jedem Jogahandbuch unter Folter zu verbuchen war, aber in diesem Moment legte Bas nicht sonderlich viel Wert auf Bequemlichkeit. Es hätte ihm ja auch gar nichts gebracht, denn er war vollkommen unfähig, sich aus freien Stücken zu bewegen. Atemberaubend in jeder erdenklichen Hinsicht war natürlich Jim, der die Hand, mit der er sich nicht neben seinem Kopf aufstützte, fest um Sebastians Kehle geschlossen hatte und ihm unnachgiebig den Atem abschnürte. Mit einem sadistischen Funkeln in den dunklen Augen, das Bas mindestens ebenso anziehend fand wie es ihm hätte Angst machen müssen, sah der andere dabei zu, wie das Leben im gleichen Maße aus ihm entwich wie die Luft aus seinen Lungen.
Dann, nach einer Weile, lockerte er den Griff wieder ein wenig, gerade so viel, dass Bas gierig nach Atem ringen konnte, ehe er erneut zudrückte. Jim küsste ihn nicht… ihre Lippen berührten sich jedoch und der andere sog jeden kleinen Atemzug, jeden erstickten Laut in sich auf. Im Grunde war es das genaue Gegenteil eines Kusses, dachte der kleine Teil seines Bewusstseins, der noch nicht vollständig kapituliert hatte. Sebastian genoss das Gefühl, Jim und dessen Willkür voll und ganz ausgeliefert zu sein. Es war ein schmaler Grat, an dem sie sich entlang hangelten und viel hätte es nicht bedurft, damit der andere ihn erlöschen ließ - diesen seltsamen kleinen Funken, der Sebastian Moran am Leben hielt. Er war so erregt, dass er die ganze Zeit über hart geblieben war, obwohl Jim ihn lediglich am Hals berührte und nicht zuließ, dass er sich selbst anfasste. Sein dünner Körper zitterte unkontrolliert und seine Hände gruben sich kraftlos in das Bettlaken, das sich längst außerhalb seiner Wahrnehmungsgrenzen befand. Jim war das einzige, das in diesem Augenblick noch existierte, dunkel und gewaltig hatte er alles eingenommen, das zuvor noch von Bedeutung gewesen war. Seine Existenz war geradezu erdrückend, Bas konnte spüren, wie er selbst darunter zusammenschrumpfte und immer kleiner wurde, bis irgendwann nichts mehr von ihm übrig sein würde.
Es war zuviel.
Jim füllte ihn vollständig aus, er war nicht nur in ihm, er war auch überall um ihn herum und mit jedem winzigen Atemzug nahm Bas mehr und mehr von ihm in sich auf, bis er gänzlich von ihm Besitz ergriffen hatte. Die Anspannung in seinem Innern war längst unerträglich und die Dunkelheit nahm immer schneller immer mehr von seinem Blickfeld ein. Die herannahende Ohnmacht ließ seine Augäpfel kribbeln. Bas gab einen kehligen Verzweiflungslaut von sich, der ihn auch noch den Rest seines Atems kostete, den ihm der andere zuvor gestattet hatte. Jim schnalzte tadelnd mit der Zunge, aber es klang nun ebenfalls etwas atemlos und die Stöße, mit denen der andere sich tief in ihm versenkte, waren längst fahrig und ein wenig unkoordiniert geworden. Er war nah, lang würde es nicht mehr dauern… vielleicht hielt er es noch aus. Nur ein paar Sekunden länger. Bas spürte, wie seine Augen zu Tränen begannen, ehe seine Augenlider flatterten und sein Adamsapfel unter Jims festem Griff zuckte, als er trocken schluckte. Der andere sagte etwas, das er nicht mehr verstand… sein Gehirn war bereits dabei, sich herunterzufahren.
Er mochte Jims Stimme besonders, wenn sie so klang wie jetzt; atemlos und rau, einige Oktaven dunkler als gewöhnlich.
Und während sich der andere heiß in ihm ergoss, wurde Sebastians Welt schwarz.
Als ich ihn das erste Mal sah, war ich sechs und er ein kleines, schrumpeliges Häuflein Mensch, das aus Leibeskräften schrie. Mein Vater hatte mir aufgetragen, den Zimmern fernzubleiben, in denen die Geburt stattfinden sollte, aber irgendetwas zog mich trotzdem hin… wahrscheinlich die Schreie, die durchs ganze Haus gellten, wohl aber auch meine Neugierde. Das Zimmer roch nach Blut und für einen kurzen schrecklichen Moment glaubte ich, sie hätte es nicht überlebt. Sie war krank, das wusste ich, obwohl Vater nie ein Wort darüber verlor. Aber ich war ein stilles, aufmerksames Kind und bekam stets mehr mit, als er glaubte. Die Schwangerschaft war von Beginn an ein Risiko gewesen, das weiß ich heute… damals habe ich die Sorgen meines Vaters nicht verstanden, doch ich spürte seine Erleichterung darüber, dass alles gut gegangen zu sein schien. Sie sagte stets, er wäre ein kleines Wunder, und genau so kam er mir auch vor, als sie der Hebamme auftrug, ihn mir zu geben. Er war winzig, mit einem großen runden Kopf und riesigen blauen Murmelaugen, seine Haut so gesprenkelt wie ein Osterei, und aus irgendeinem Grunde hörte er augenblicklich auf zu schreien. Ich wusste nicht, was ich sagen oder wie ich ihn halten sollte, also starrten wir uns einfach nur an. Erst als sie mir mit der Hand über den Kopf strich, sah ich auf. Er hatte ihre Augen und irgendwie beneidete ich ihn darum.
„Das ist dein Bruder Sebastian.“ Natürlich wusste ich das längst, aber es war wie eine offizielle Vorstellung, die wir über uns ergehen lassen mussten. Sebastian gluckste ein wenig und begann, sich auf meinem Arm zu bewegen, sodass ich Angst hatte, er könnte mir runterfallen. „Pass gut auf ihn auf, Christopher.“
Ich wollte sie niemals enttäuschen.
Als er das Schlafzimmer betrat, fand er Jim vor dem großen Spiegel, wie er seine Krawatte knotete. Er trug seinen neuen Anzug, der erst heute Morgen geliefert worden war, und machte darin wie üblich eine extrem gute Figur. Bas riss den Blick mit etwas Anstrengung von Jims Hintern los und zog die Tür hinter sich zu.
„Wofür machst du dich so schick?“, wollte er wissen, während er hinter den anderen trat und ein paar Fussel von dem teuren Jackett zupfte. Die Antwort hätte er sich auch denken können:
„Sherlock.“
Sebastian fühlte sich, als hätte ihm jemand einen Kübel Eiswasser über den Kopf gekippt, und er brauchte einen Moment, bis er glaubte, seine Stimme wieder genug unter Kontrolle zu haben, um scheinbar vollkommen unbeeindruckt zu fragen: „Warum?“
Jim schnalzte tadelnd mit der Zunge, drehte sich ihm zu und kniff ihn wohlwollend in die Wange, wie bei einem kleinen Kind, das noch nicht alt genug war um zu verstehen.
„Ohhh, hätte ich dich in meine Pläne einweihen wollen, hätte ich es getaaan, darling.“ Er grinste über Sebastians bedröppeltes Gesicht, tätschelte ihm die Wange und griff gutgelaunt nach der Sonnenbrille, die auf der Kommode gelegen hatte. „Warte nicht auf mich, es wird spä-häät!“
(Source: nobodysawmedoit)